Meine Gedanken zu Interim Management in Zeiten von Corona

Ich muss zugeben, dass Corona glücklicherweise in meinem Fall keinen großen bzw. eigentlich gar keinen Einfluss auf meine Auftragssituation gehabt hat bzw. momentan hat. In meinem Mandat bei einem internationalen pharmazeutischen Lohnhersteller war „business as usual“ angesagt. Die Fertigung lief unbehindert weiter und auch Projekte jeglicher Art wurden weiter lanciert. Als gewöhnungsbedürftig empfand ich lediglich die „Verbannung“ ins Home Office, mit der sicherlich viele andere auch konfrontiert waren. Als leidenschaftlicher Personaler ist mir der persönliche Kontakt zu Kollegen und Mitarbeitern unglaublich wichtig und ich habe für mich festgestellt, dass trotz aller noch so ausgereifter technischer Möglichkeiten – ob sie nun WebEx, LoopUp oder Teams heißen – diese niemals Gespräche ersetzen können, bei denen man sich „live“ in die Augen schauen sollte. Somit besteht zumindest bei mir nur eine eingeschränkte Home Office – Kompatibilität.

Es läuft mir fast kalt den Rücken hinunter, wenn ich an meine Jour fixe per LoopUp mit dem lokalen Betriebsrat zurückdenke. Sicherlich kann virtuell eine Agenda zügig abgearbeitet werden, aber in vielen Fällen ist es unbedingt erforderlich, die Stimmung im Raum aufzunehmen und einzuschätzen. Auch wenn es in der Vergangenheit oftmals schwierig in der Kommunikation mit den Arbeitnehmervertretern war, haben wir nach unserem ersten persönlichen Jour fixe nach knapp vier Monaten Home Office festgestellt, dass uns nur der direkte und persönliche Dialog weiterbringt.

Auch musste ich oftmals an meine Interim Kollegen denken, die nicht das Glück hatten, auch in der Hochzeit von Corona mandatiert zu sein. Aus meinem eigenen Netzwerk sind mir viele Kollegen bekannt, deren Mandate kurzfristig beendet oder gar nicht erst begonnen wurden. Sicherlich kann man von unserem Berufsstand erwarten, dass in guten Zeiten entsprechende Rücklagen für „schlechte Zeiten“ gebildet werden. Allerdings setzt eine mandatsfreie Zeit von mehreren Monaten durchaus Rücklagen voraus, die von der Dimension her einem Klein- oder Mittelklassewagen entsprechen (je nach individuellem Lebensstil natürlich). Daraus habe ich für mich mitgenommen, meine Rücklagen besser und intensiver zu planen.

Nach meiner Einschätzung sind wir zwischenzeitlich wieder ein wenig zur Normalität zurückgekehrt. Auch Anfragen für neue Mandate ziehen wieder deutlich an, obwohl wir uns eigentlich aufgrund der Sommerferienzeit eher in den „Saure Gurken“ – Monaten bewegen. Aus meinem Fachbereich erreichen mich insbesondere Anfragen bezüglich Restrukturierungen und Sanierungen, aber auch für „daily operations“ rund um das Thema Kurzarbeit.

Was mir allerdings bei vielen neuen Anfragen auffällt, ist der Umstand niedrigerer Tagessätze als vor Corona. Es kommt gar nicht so selten vor, dass Projekte zu Tagessätzen all-in um 600-650 Euro aufgerufen werden. Hierzu mein Appell an alle Berufskollegen: Gemeinsam können wir die negative Entwicklung der Tagessätze verhindern, indem wir solche Mandate gar nicht erst annehmen bzw. darüber nicht einmal diskutieren. Der eine oder andere Provider spekuliert wohl aktuell auf eine niedrige Auslastung der Interim Manager und versucht damit, seine eigene Marge zu erhöhen. Aus dem Kontakt direkt mit Kunden bemerke ich zumindest keinen Trend, interimistische Leistungen geringer zu vergüten. Wir sollten uns alle darüber im Klaren sein, dass wir Spezialisten in unseren Fachbereichen sind und uns nie unter Wert verkaufen. Ich möchte betonen, dass die meisten Interim Service Provider (ISP) fair und partnerschaftlich mit Ihren Interim Managern umgehen. Schwarze Schafe gibt es aber auch in dieser Branche.

Ein letzter Gedanke, mit dem ich mich auch sehr intensiv beschäftigt habe, während ich aus dem Home Office gearbeitet habe, betrifft das soziale Umfeld von uns Interim Managern. Wir leben überwiegend aus dem Koffer. Ich komme z. B. auf rund 200 Hotelübernachtungen im Jahr – meist weit entfernt von der Familie, Freunden und Bekannten. Selbstverständlich unter Einhaltung aller vorgeschriebenen Abstandsregeln und im Rahmen des Möglichen aufgrund Einschränkungen in der Gastronomie habe ich die Zeit genutzt, um mehr Zeit mit den Menschen zu verbringen, die mir wichtig sind und denen ich wichtig bin. Ich hatte wieder Gelegenheit, direkt nach Feierabend aus dem Büro heraus, Menschen zu treffen und interessante Gespräche zu führen oder auch Zeit mit meinem Sohn zu verbringen, der mich ansonsten höchstens am Wochenende zu Gesicht bekommt. Auch das ist Corona!

Haben Sie sich ein bisschen in meinen Schilderungen wiedergefunden? Oder Sie haben eine absolut andere Wahrnehmung? Ich freue mich auf Ihre Kommentare. Bleiben Sie gesund!