Der Interim Manager im Home Office – Fluch oder Segen für Mandanten und Interim Manager?

Der zweite Lockdown – mutmaßlich nicht der Letzte in diesen turbulenten Zeiten – ist allgegenwärtig und hat auch Einfluss auf Interim Manager und unsere Mandanten. Was sind die Vor- und Nachteile von Home Office? Ist Home Office ein Arbeitsmodell auch nach Covid19? Leidet die Produktivität von uns Interim Managern und hat Home Office einen Effekt auf den Projekterfolg? Mit diesen Fragen beschäftige ich mich in diesem Beitrag.

Vorteile des Home Office

Keine Fahrtzeiten, geringere Benzinkosten

Arbeitswege mit Auto oder öffentlichen Verkehrsmittel fallen weg, wenn die Strecke zum „Büro“ lediglich die Distanz zwischen Bett und Computer beträgt. Dadurch wird nicht nur Zeit, sondern auch Geld gespart. Ich empfinde es als angenehm, morgens direkt durchstarten zu können, ohne dass ich davor noch etliche Kilometer auf der Strasse verbringen muss, um zum Mandanten zu fahren. Ich würde nicht soweit gehen, dass man kein Auto mehr bräuchte, aber auch eine signifikante Ersparnis bei den Benzinkosten hat auch einen gewissen Charme.

Angenehmes Arbeitsumfeld

Im Homeoffice wird, wie der Name schon verrät, von zuhause aus gearbeitet. Ich kann mir meinen Arbeitsplatz und meine Arbeitsumgebung so gestalten, dass ich mich wohlfühle. Viele neigen im Home Office dazu, bei der Arbeitskleidung etwas nachlässiger als bei der Präsenzarbeit im Kundenbetrieb zu sein. Ich trage auch im Home Office die Kleidung, die ich auch im Kundenbetrieb tragen würde. So differenziere ich für mich den Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit. Die Jogginghose sollte – von kleine Ausnahmen für einen gemütlichen Sonntag auf dem Sofa abgesehen – im Kleiderschrank bleiben.

Keine Ablenkung, konzentriertes Arbeiten

Im Kundenbetrieb kann es schon einmal dazu kommen, dass sich Kollegen gegenseitig von der Arbeit ablenken. Im Homeoffice kann man sich ohne Ablenkung durch Kollegen vollends auf die Arbeit konzentrieren und seine eigene Produktivität steigern – zumindest in manchen Konstellationen. In der ersten Lockdown-Phase März/April 2020 erarbeitete ich für einen Kunden aus der Pharmaindustrie ein Konzept zum Budgetentstehungsprozess und musste mich intensiv in bisherige Prozesse hineindenken und teils über mehrere Stunden konzentriert an einem Themenblock arbeiten. In dieser Situation habe ich die Vorzüge der Ruhe im Home Office zu schätzen gelernt. Parallel dazu war ich auch für die operative Personalarbeit an zwei Standorten zuständig, so dass auch regelmäßige Rücksprachen mit den Arbeitnehmervertretern erforderlich waren. In meiner Wahrnehmung eignet sich hierfür das Home Office nicht. Stimmungslagen lassen sich nur im direkten, persönlichen Dialog auffangen. Die besten und ausgereiftesten technischen Hilfsmittel können das nicht ändern.

Mehr Flexibilität

Ebenfalls ganz oben auf der Liste der Heimarbeitsvorteile steht in meinen Augen die Flexibilität bei der Gestaltung der Arbeitszeit. Das Homeoffice geht häufig mit flexiblen Arbeitszeiten und der Möglichkeit, sich seinen Arbeitstag selbst einzuteilen, einher. Auf diese Weise kann man sich selbst ermöglichen, dann mit der Arbeit zu starten, wenn man am produktivsten ist. Ich persönlich schätze die Zeiten vor 9 Uhr morgens, nach 17 Uhr am Abend und an den Wochenenden ohne Besprechungen, Telefonaten und einer abebbenden Flut an eingehenden E-Mails.

Work-Life-Balance

Einen weiteren klaren Vorteil der Heimarbeit sehe ich auch in einer verbesserten Work-Life-Balance. Das Homeoffice macht es sogar Arbeitstieren wie mir möglich, die Mittagspause mit der Familie zu genießen oder schnell noch ein paar Besorgungen zu machen. So bleibt am Ende des Tages sogar mehr Zeit für private Ruhephasen.

Nachteile von Home Office

Gefahr der Ablenkung

Selbstdisziplin muss bei Heimarbeitern an erster Stelle stehen, da Sie sonst sehr schnell von Ihrem Workload überholt werden. Viele im Home Office versuchen nebenher andere Dinge zu erledigen, weil es praktisch erscheint. Aufräumen, Wäsche waschen, Kochen – was auch immer…. Diese Aufgaben erledigen Sie sonst auch erst nach Feierabend. Disziplinieren Sie sich selbst und geben Sie Ihrem Tag eine Struktur. Kurzfristige Ablenkung nach der konzentrierten Erstellung einer Präsentation ist in Ordnung, wenn Sie dies geplant haben und dieser Tätigkeit nicht mehr Zeit einräumen als vorgesehen.

Unterschätzen Sie nicht die beruflichen sozialen Kontakte

Vorsicht, Eigenbrötlergefahr! Wer ausschließlich zu Hause arbeitet, tendiert dazu, sich selbst aus dem Team auszugrenzen. Der Austausch mit den Kollegen ist geringer, die Absprachen gestalten sich als schwieriger und auch der Teamgeist, der unter anderem durch gemeinsame Projekte, aber auch durch gemeinsame Mittagspausen gefördert wird, bleibt auf der Strecke. Eine begrenzte Anzahl an Home-Office-Tagen macht daher Sinn, ebenso die regelmäßige Kontaktsuche zu den Kollegen und Mitarbeitern.

Motivation im Home Office

Sich jeden Tag selbst zu motivieren, gelingt nicht immer und ist sicherlich nicht einfach. Vor allem dann nicht, wenn unangenehme Aufgaben auf der Agenda stehen. Das funktioniert im Team schon besser. Kollegen motivieren und beflügeln sich gegenseitig. Sie erinnern sich untereinander an das gemeinsame Ziel und arbeiten gemeinsam darauf hin. In meinen Augen einer der gravierenden Nachteile im Home Office, weil die Dynamik des Teams und der Kollegen fehlt, die sich gegenseitig anspornen und motivieren.

Verschwimmende Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit

Da keine räumliche Trennung zwischen Arbeit und Privatleben stattfindet, besteht die Gefahr, dass die Grenzen verschwimmen. So können Arbeitstage auch schnell mal in die Abendstunden hineingehen, weil man noch schnell etwas fertig machen möchte. Nach Feierabend checkt man noch schnell die dienstlichen E-Mails, man ist ständig erreichbar, vergisst Pausen einzulegen und schon beherrscht die Arbeit das Privatleben. Hier ist Disziplin gefragt: Feierabend muss Feierabend bleiben – auch bei Heimarbeit.

Fazit

Home Office ist eine schöne Sache – zeitlich limitiert und aufgabenbezogen. Dauerhaftes Zuhause arbeiten halte ich für Interim Manager – vielleicht bis auf einige wenige Ausnahmen – auch in Zukunft für keine Alternative, um unseren Mandanten das zu liefern, was sie erwarten: einen physisch präsenten Professional für eine besondere, konkrete Herausforderungssituation.

In diesem Sinne: ein schönes Wochenende!

Update v. 06.12.2020

Auf n-tv.de findet sich ein interessantes Interview mit dem Cisco-Deutschlandchef Uwe Peter zum Thema „Wechsel vom Büro an den Küchentisch“. Folgen Sie dafür gerne diesem Link.

Adidas-Chef Kasper Rorsted stellt sich heute gegen den Homeoffice-Trend in Deutschland: „Ich halte nichts vom ständigen Arbeiten zu Hause“, sagte er im Gespräch mit der „Welt am Sonntag“ bzw. der Bildzeitung. Folgen Sie dafür gerne diesem Link.